Das Allgäu ist reich an alten Sagen, die sich um seine Seen, Berge und Schluchten ranken. Wer mit offenen Augen fährt, kommt an vielen Orten vorbei, denen die Überlieferung eine eigene Geschichte gibt. In und um Oberstdorf bevölkern kopflose Geister, wilde Männer, Hexen und Drachen die Sagenwelt – Gestalten, die früher die Fantasie der Bergbewohner beschäftigten.
Ein besonders geheimnisvoller Ort ist der Alatsee bei Füssen. Der Sage nach lagen dort einst grüne, fruchtbare Wiesen, und auf einem Hügel stand eine Burg, in der drei Schwestern herrschten. Als sie in Streit gerieten, wer die schönsten Felder und die Burg erben solle, verfluchte eine der Schwestern die anderen: Die Erde solle sie samt ihrem Besitz augenblicklich verschlingen. So sei, der Sage nach, der Alatsee entstanden. Eine andere Überlieferung erzählt von einer Frau, die in einer hölzernen Truhe im See versenkt wurde und einen Mönch verfluchte, der seither am Ufer des Alatsees umgeht und Erlösung sucht. Der See selbst ist bekannt für eine eigentümliche rötliche Färbung in der Tiefe, was seinen mystischen Ruf zusätzlich genährt hat.
Über Füssen wacht der markante Säuling, ein Berg an der Grenze zu Tirol, um den sich gleich mehrere Sagen ranken. Der Sage nach diente die Hochfläche unterhalb des Gipfels, das Hexenbödele, den Hexen als Tanzplatz, auf dem sie Wein aus Lärchenzweigen gewrungen und ausschweifende Feste zu Ehren ihres Anführers gefeiert haben sollen. Eine andere Sage erzählt, der Teufel selbst habe einen Felsen aus dem Säuling gebrochen und Richtung Roßhaupten geschleudert, um den Bau einer Kirche zu verhindern; als die Abendglocken läuteten, sei der Stein jedoch senkrecht zu Boden gefallen.
Solche Sagen sind kein historischer Beleg, sondern überliefertes Erzählgut. Sie geben den Orten aber eine Tiefe, die das reine Streckenfahren nicht hat, und machen einen Stopp am Seeufer oder einen Blick zum Säuling zu mehr als nur einer Fotopause.